Warum Marder nicht Teil der Kunstgeschichte sein sollten

Markus Huemer

02.07.2022 - 15.10.2022

Markus Huemer arbeitet mit den Medien der Malerei und Zeichnung ebenso wie mit interaktiven Installationen, Environments oder Computeranimationen. Er verarbeitet Elemente der Kunst- und Mediengeschichte und verknüpft sie, um so im und mit dem Kunstwerk, im aktuellen Fall mit den Gemälden aus der Ausstellung „Warum Marder nicht Teil der Kunstgeschichte sein sollten", zu diskutieren, wie das klassische Medium der Malerei vor dem Hintergrund digitaler Medien fortgeführt werden kann. Im Wissen darum, dass gemalte Welten, wie auch Netzwelten, imaginiert und völlig künstlich sind, entwickelt Huemer Werkfamilien, die sich mit dem Problem der Realität, der Konstruktion von Realitäten und deren Wahrnehmung in unterschiedlichen Formaten auseinandersetzen.

Entsprechend hat er für Filsers, den Kunstraum in Mainburg mitten in der Holledau, eine neue Gruppe von Gemälden geschaffen, die man eigentlich mit dem für Installationen, Wandmalereien und Skulpturen geeigneteren Begriff „ortsspezifisch" charakterisieren möchte. Denn Huemer hat sich von der Holledau inspirieren lassen und Hopfengärten und -pflanzen gemalt. Nun ist es aber nicht so, dass Huemer ein Maler ist, der sich von Auftraggebern verschiedener Orte und Landschaften beauftragen läßt, deren Umgebung ins Bild zu bringen – und natürlich hatten Filsers ebensowenig diese Intention, als sie Huemer zu der Ausstellung einluden. Vielmehr ist es so, dass die spezifischen Strukturen der Hopfengärten, mit und ohne Pflanzen, Huemer interessiert und herausgefordert haben. Also hat er sich zahlreiche digitale Bildquellen beschafft und diese in seinen Bildern zusammengefügt und modifiziert. Auf diese Weise glauben wir, etwas zu sehen, das wir auf den ersten Blick zu erkennen scheinen – sei es ein Hopfengarten voller Reben, seien es einzelne Reben, seien es Dolden, seien es Gerüstanlagen im Winter, ohne jede Pflanze. Aber wenn wir genauer hinsehen, verstehen wir, dass wir gar nichts verstehen. Denn was wir sehen, ist weder ein logischer, plausibler realer Raum, noch erzählt Huemer eine Geschichte, die sich lesen und verstehen ließe. Die analoge Realität wird nicht zuletzt auch dadurch aus dem Bild verdrängt, dass Huemer keine Binnenstrukturen sichtbar werden lässt. Einen möglichen Erkenntnisgewinn eines Abbildes von Wirklichkeit – eine Aufgabe, die lange Jahrhunderte der Malerei oblag und die dann ab dem 19. Jahrhundert von der Fotografie übernommen wurde – hat Huemer also aus den Bildern gedrängt. Und genausowenig hat er es auf eine stimmungsvolle Atmosphäre abgesehen, dazu erfahren und sehen wir zu wenig vom Licht, das durch die Pflanzen schimmert, vom Wind, der durch die Hopfengärten bläst, vom Gesumm, das die Insekten erzeugen. Aber: an alle dies Dinge denken wir, wenn wir die Bilder sehen. Es ist dies aber ein kognitiver Prozess, keiner, der durch Impressionen geleitet wäre. Und genauso ist es auch mit den Details der Pflanzen, die uns Huemer vereinzelt auf seinen Leinwänden zeigt, als wären es Teile der Grottesken aus den Loggien des Vatikan. Wieder „verstehen" wir nicht die Pflanzen und ihre Binnenstrukturen, sondern wir erleben sie als mehr oder minder abstraktes Bild, das an Hopfen und seine Dolden mehr erinnert, als sie tatsächlich abzubilden. Gleichwohl lässt die Form der vereinzelten Darstellung, teils zentral über das Bild geführt, an Bilder von Pflanzen in wissenschaftlichen Abhandlungen und Bildsammlungen denken – insbesondere an die Alben der Maria Sibylla Merian, die durch die Welt gereist war und Pflanzen dokumentiert hatte, um diesen Erkenntnisgewinn zu publizieren und den Menschen zur Verfügung zu stellen. Aber, wiederum: Wissen über die Pflanzen generiert Huemer nicht! Es ist dieses Hin und Her aus vermeintlicher Erkenntnis und Enttäuschung der Erwartung, das Huemer antreibt, um am Ende Kunst zu schaffen. Kunst, Bilder, die er mit absurden, unlogischen und schräg wirkenden Titeln ausstattet, die keinen Bezug zu dem haben, was (scheinbar) dargestellt wird. Diese Titel unterstreichen die nicht vorhandene Funktion des Werkes als Werkzeug zur Abbildung der Realität.

Im Grunde handelt es sich bei den Gemälden von Huemer um gemalte Aufforderungen, über die Funktion von Malerei genauso wie von digitalen Bildern nachzudenken. Aber: es sind dies Aufforderungen, die zugleich Freude an der Wahrnehmung ihrer selbst vermitteln.

Markus Huemer (*1968 in Linz, lebt und arbeitet in Berlin) studierte Malerei an der Kunstuniversität Linz und an der Kunstakademie Düsseldorf. Er beschäftigte sich schon früh mit Medienkunst an der Ars Electronica in Linz und erhielt später ein Stipendium am ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe. 1998-99 war er Stipendiat an der Kunsthochschule für Medien in Köln und von 2007 bis 2015 Professor an der Akademie der Bildenden Kunst in Prag.